DUCAH Blog

Zukunft Pflege: Menschenzentriert. Vorausschauend. Digital gestützt

Ein Kommentar von Prof. Wolfgang Hünnekens, Vorstand DUCAH eG

Die BILD titelt: Regierung funkt SOS – Pflege, Rente, Kassen fehlen Milliarden.“

Doch wer die Debatte allein auf Zuschüsse und Beitragssätze verkürzt, greift zu kurz.

Denn die entscheidende Frage ist nicht nur, wie wir Pflege finanzieren – sondern welche Art von Pflege wir künftig ermöglichen wollen.

Pflege ist teuer, weil sie oft dort einspringt, wo Prävention, Alltagsunterstützung und Infrastruktur nicht greifen.

Stationäre Betreuung dominiert, obwohl viele Menschen lieber zu Hause bleiben möchten – und dies mit der richtigen Unterstützung auch könnten.

Pflegekräfte sind überlastet – nicht nur personell, sondern strukturell: durch Prozesse, die mehr Verwaltungslogik als Versorgungsqualität folgen.

Und obwohl digitale Lösungen existieren, bleiben sie meist auf Modellinseln beschränkt – statt Teil eines systemisch verankerten Versorgungsalltags zu werden.

Das Ergebnis: steigende Kosten bei abnehmender Versorgungssicherheit.

Und die eigentliche Belastung trifft dabei nicht nur die Pflegekassen – sondern die Menschen, die gepflegt werden und die, die pflegen.

Menschenzentrierung statt Organisationslogik

Ein zentraler Punkt: Pflege muss menschenzentriert sein – nicht organisationsfixiert. Menschen sollten nicht nach den Rahmenbedingungen eines Systems leben müssen, sondern umgekehrt: das System sollte sich an ihrem Bedarf orientieren, statt umgekehrt Anpassung zu fordern.

In diesem Sinne kann Pflege mehr sein als Versorgung: sie kann aktiv Selbstständigkeit fördern – mit dem Ziel, dass Menschen Einrichtungen wieder verlassen können, wenn sie gestärkt sind.

Ein inspirierender Ansatz: Domino‑Coaching™

Ein Beispiel für diesen menschenzentrierten Stil liefert Lutz Karnauchow mit dem Konzept Domino-Coaching™. Entwickelt bei DUCAH-Genossenschaftsmitglied Domino‑world™, verfolgt dieser Ansatz eine rehabilitative, motivationspsychologische Methodik. Ziel ist es, Pflegebedürftigen ihre Selbstständigkeit zurückzugeben und dort, wo möglich, wieder in eigene Häuslichkeit zurückzuführen – oft sogar bereits nach kurzer Zeit.

Interessant ist:

  • „Residents“ werden vom ersten Tag an individuell begleitet, nicht passiv betreut
  • „Domino-Coaches“ von der Domino Stiftung in Berlin formulieren mit den Menschen persönliche Entwicklungsziele und begleiten den Weg dorthin.
  • Eine Fraunhofer-Studie bestätigt: etwa 50 % der Betroffenen kehren nach stationärem Aufenthalt in die Häuslichkeit zurück

Der Ansatz setzt dort an, wo Pflegebedarf entsteht – präventiv, ressourcenorientiert, statt reaktiv und eindimensional.

Ein Blick aus der Praxis

Ähnlich menschenzentriert denken wir bei der Digital Urban Center for Aging and Health eG (DUCAH) und beobachten in der Praxis, wie soziale und technologische Innovationen sinnvoll ineinandergreifen:

  • Sensorik, die Risiken im Alltag erkennt, bevor sie zur Eskalation führen
  • KI-gestützte Systeme, die Angehörige entlasten und Pflegekräfte unterstützen
  • Hybride Modelle, die ambulante Präsenz und digitale Infrastruktur intelligent verbinden

Diese Lösungen sind keine Luxusoption, sondern ermöglichen Pflege mit einem anderen Fokus – nicht auf die Organisation, sondern auf die Menschen. Solche Lösungen sind kein Ersatz für Menschen, sondern eine Ergänzung ihrer Arbeit – sie schaffen Zeit, verbessern Kommunikation und erhöhen Handlungsspielräume.

Die Frage ist weniger, ob diese Lösungen sinnvoll sind, sondern wie wir sie strukturell einbetten – in die Regelversorgung, in die Ausbildung, in die Infrastruktur.

Pflege als Infrastruktursystem neu denken

Es lohnt sich, Pflege nicht länger nur als „Leistung“ zu verstehen, sondern als Bestandteil einer modernen Daseinsvorsorge – vergleichbar mit Bildung, Energie oder Mobilität.

Was wäre, wenn Pflege nicht reaktiv auf Defizite antwortet, sondern proaktiv Selbstständigkeit stärkt?

Was wäre, wenn wir digitale Hilfsmittel nicht als Zusatz denken, sondern als Teil der Grundausstattung?

Was wäre, wenn Pflege zu Hause – unterstützt, digital ergänzt und vernetzt – nicht Ausnahme, sondern Regelfall wäre?

Diese Fragen sind nicht theoretisch. Sie stellen sich ganz konkret in jedem Quartier, jeder Kommune, jeder Familie.

DUCAH als Plattform für Entwicklung und Transfer

DUCAH versteht sich als lernendes Netzwerk zwischen Praxis, gesellschaftlicher Entwicklung und Menschenzentrierung sowie Wissenschaft. Wir begleiten Träger, Start-ups und Forschungspartner dabei, neue Versorgungsmodelle zu entwickeln – und gemeinsam mit Kommunen, Verbänden und Institutionen auf Praxistauglichkeit und Skalierbarkeit hin zu prüfen.

Merke: Pflege wird nicht besser, wenn wir sie nur teurer machen. Sie wird besser, wenn wir sie klüger organisieren – und digitale Lösungen helfen uns dabei, Zeit, Geld und Lebensqualität zu bewahren.“

In diesem Sinne möchten wir Impulse geben – für die Diskussion, wie Pflege künftig gestaltet werden kann: menschenzentriert vernetzt, zukunftsfähig.
2025-08-02 16:28