Living Longer, Living Better: Impulse aus Toronto für ein selbstbestimmtes Leben im Alter
Wie können Menschen länger, gesünder und selbstbestimmter in ihrem eigenen Zuhause leben? Welche Rolle spielen dabei Prävention, digitale Technologien, intelligente Wohnumgebungen und neue Formen der Zusammenarbeit? Mit diesen Fragen machte sich eine interdisziplinäre Delegation von DUCAH – Digital Urban Center for Aging & Health und dem Einrichtungspartnerring VME auf den Weg nach Toronto.
Nach einem ersten persönlichen Kennenlernen und einem gemeinsamen Ausflug zu den Niagarafällen begann das offizielle Programm der Lernreise „Living Longer, Living Better“. Gemeinsam mit der Auslandshandelskammer Kanada besuchten die Teilnehmenden führende Forschungs-, Gesundheits- und Innovationsinstitutionen und tauschten sich mit Expertinnen und Experten aus, die die Zukunft des Alterns bereits heute aktiv gestalten.
Gesundheit, Wohnen und Lebensqualität zusammendenken
Im Mittelpunkt der Lernreise stand die Frage, wie sich die Bedürfnisse einer älter werdenden Gesellschaft verändern und welche Lösungen erforderlich sind, damit Menschen möglichst lange sicher und selbstbestimmt zu Hause leben können.
Dabei wurde schnell deutlich: „Living better at home for longer“ bedeutet weit mehr als eine bessere medizinische Versorgung oder den Einsatz neuer Technologien. Es geht ebenso darum, Lebensräume zu schaffen, die Komfort, Sicherheit, Selbstständigkeit und soziale Teilhabe bis ins hohe Alter ermöglichen.
Die interdisziplinäre Zusammensetzung der Delegation eröffnete hierfür unterschiedliche Perspektiven. Vertreterinnen und Vertreter aus der Gesundheits- und Sozialwirtschaft betrachteten die Fragestellungen gemeinsam mit Fachleuten aus der Möbel- und Einrichtungsbranche. Dadurch rückten neben digitalen Versorgungslösungen auch Themen wie Barrierefreiheit, Sensorik, Ergonomie, Materialien, Möbeldesign und die Gestaltung altersgerechter Wohnräume in den Fokus.
Gerade an der Schnittstelle von Gesundheit, Wohnen und Lebensqualität entsteht ein bedeutendes Innovationsfeld, das nur durch die Zusammenarbeit unterschiedlicher Branchen erschlossen werden kann.
Forschung mit konkretem Nutzen für den Alltag
Der erste Programmtag begann mit einem herzlichen Empfang bei der AHK Kanada. Neben Einblicken in das kanadische Wirtschafts- und Innovationssystem stand insbesondere das Kennenlernen der vielfältigen Delegationsgruppe im Mittelpunkt. Trotz unterschiedlicher fachlicher Hintergründe verband alle Teilnehmenden ein gemeinsames Ziel: die Zukunft des Alterns aktiv und menschenzentriert zu gestalten.
Beim anschließenden Besuch von AGE-WELL, Kanadas führendem Netzwerk für Technologie und Altern, wurde sichtbar, wie Forschung, Unternehmen, Versorgungseinrichtungen und Betroffene gemeinsam neue Lösungen entwickeln. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht technische Möglichkeiten allein, sondern konkrete Herausforderungen älterer Menschen und ihrer Angehörigen.
Den Abschluss des Tages bildete der Besuch des KITE Research Institute, eines international renommierten Forschungszentrums für Rehabilitation und Assistenztechnologien. In Einrichtungen wie dem WinterLab, dem DRIVER Lab und dem STREET Lab werden reale Alltagssituationen unter kontrollierten Bedingungen untersucht. So lässt sich beispielsweise analysieren, wie Menschen auf winterliche Bedingungen reagieren, welche Faktoren Mobilität und Verkehrssicherheit beeinflussen oder wie sich öffentliche Räume zugänglicher gestalten lassen.
Die Forschung wird dort nicht um ihrer selbst willen betrieben. Sie verfolgt konsequent das Ziel, Mobilität, Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe zu verbessern.
Die wichtigste Erkenntnis dieses Tages ging dennoch über Technologie und Forschung hinaus: Das Wertvollste, das während einer Lernreise entsteht, sind Verbindungen. Menschen aus unterschiedlichen Organisationen, Branchen und Perspektiven beginnen, gemeinsame Herausforderungen zu erkennen, voneinander zu lernen und neue Lösungsansätze zu entwickeln.
Prävention vor Intervention
Der zweite Tag führte die Delegation unter anderem zum Toronto Grace Health Centre und zu SE Health. Dabei wurde ein Grundsatz besonders deutlich: Die Zukunft des Gesundheitswesens liegt nicht allein im Ausbau von Krankenhauskapazitäten. Entscheidend sind frühzeitige Prävention, kontinuierliches Monitoring und eine Versorgung, die verfügbare Daten sinnvoll nutzt.
Besonders eindrucksvoll waren die Einblicke in digitale Lösungen, die Patientinnen und Patienten im häuslichen Umfeld unterstützen. Mithilfe von Remote Monitoring können Vitalparameter wie Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Körpergewicht oder Temperatur regelmäßig erfasst werden. Gesundheitliche Veränderungen lassen sich dadurch früher erkennen, sodass Versorgungsteams reagieren können, bevor sich der Zustand der Betroffenen deutlich verschlechtert.
Die Ziele solcher Ansätze sind klar: Krankenhausaufenthalte und Besuche in Notaufnahmen sollen möglichst vermieden, Versorgungsteams entlastet und Menschen länger sicher in ihrem vertrauten Zuhause begleitet werden.
Jeder vermiedene Krankenhausaufenthalt kann dabei nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen verbessern, sondern auch das Gesundheitssystem wirtschaftlich entlasten. Anstelle hoher Ausgaben für akute Behandlungen wird frühzeitig in Prävention, digitale Begleitung und gezielte Intervention investiert.
Wenn das Zuhause zum Gesundheitsbegleiter wird
Auch für die Möbel- und Einrichtungsbranche ergaben sich aus den Gesprächen neue Perspektiven. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur, welche zusätzlichen technischen Geräte in einem Haushalt installiert werden können. Vielmehr geht es darum, wie unterstützende Technologien selbstverständlich, unauffällig und ästhetisch in das tägliche Lebensumfeld integriert werden können.
Intelligente Materialien und Stoffe eröffnen hierbei neue Möglichkeiten. Perspektivisch können sie dazu beitragen, Bewegungsmuster oder Vitalparameter zu erfassen, Stürze zu erkennen und kritische Situationen frühzeitig zu identifizieren. Die Technologie tritt dabei in den Hintergrund, während die Wohnlichkeit und Atmosphäre des Zuhauses erhalten bleiben.
So entsteht die Vision eines vernetzten Ökosystems: Möbel, Textilien, Sensorik und digitale Monitoring-Lösungen arbeiten zusammen. Das Zuhause wird zum Gesundheitsbegleiter, der Risiken frühzeitig erkennt und Unterstützung ermöglicht, bevor ein Krankenhaus- oder Pflegeaufenthalt notwendig wird.
Der Ansatz eines „Learning Health System“ verdeutlichte zusätzlich, welches Potenzial entsteht, wenn Daten, Wissen und Versorgung kontinuierlich miteinander verbunden werden. Erfahrungen aus der Praxis fließen in die Weiterentwicklung der Versorgung ein, während neue Erkenntnisse schneller bei den Menschen ankommen.
Technologie ist dabei kein Selbstzweck. Richtig eingesetzt kann sie Versorgungsergebnisse verbessern, Fachkräfte entlasten und gleichzeitig dazu beitragen, die Kosten im Gesundheitswesen nachhaltig zu reduzieren.
Nachhaltiger Impact entsteht durch Zusammenarbeit
An den weiteren Reisetagen rückte die direkte Mensch-zu-Mensch-Betreuung stärker in den Mittelpunkt. Die engagierten Personen, Einrichtungen und Initiativen, die die Delegation kennenlernen durfte, machten eindrucksvoll deutlich, worum es letztlich geht: einen echten und spürbaren Unterschied im Leben der Menschen zu schaffen.
Natürlich waren die vorgestellten Projekte, Technologien und Arbeitsweisen inspirierend. Das Besondere einer solchen Reise entsteht jedoch häufig zwischen den offiziellen Programmpunkten: in Gesprächen, Begegnungen und gemeinsamen Reflexionen. Hier entwickeln sich neue Ideen, entstehen Kontakte und werden Grundlagen für künftige Kooperationen gelegt.
Die Vielfalt der Delegation erwies sich dabei als besondere Stärke. Unterschiedliche Tätigkeitsbereiche, Erfahrungen und Perspektiven trafen aufeinander – verbunden durch eine gemeinsame Vision: Menschen ein längeres und besseres Leben zu ermöglichen.
Technologie entfaltet ihren größten Wert, wenn der Mensch im Mittelpunkt bleibt. „Human in the Loop“ bedeutet in diesem Zusammenhang, Lösungen nicht nur für Menschen, sondern gemeinsam mit ihnen zu entwickeln. Ihre Erfahrungen, Bedürfnisse und Lebensrealitäten müssen den Ausgangspunkt jeder Innovation bilden.
Von internationalen Impulsen zur Umsetzung in Deutschland
Nach einer intensiven Woche blieb eine zentrale Erkenntnis: Die Herausforderungen des demografischen Wandels lassen sich weder durch eine einzelne Technologie noch durch eine einzelne Organisation bewältigen. Erfolgreiche Lösungen entstehen dort, wo Forschung, Gesundheitswesen, Sozialwirtschaft, Unternehmen, Politik und Gesellschaft gemeinsam handeln. Es braucht starke Netzwerke, mutige Kooperationen und die Bereitschaft, über etablierte Branchen- und Ländergrenzen hinauszudenken.
Bei AGE-WELL, dem KITE Research Institute, dem Toronto Grace Health Centre und SE Health konnte die Delegation erleben, wie Prävention, digitale Versorgung, Remote Monitoring und intelligente Lebensräume bereits heute dazu beitragen, Menschen länger sicher und selbstbestimmt zu Hause leben zu lassen.
Doch Innovation beginnt nicht allein mit Technologie. Sie beginnt mit Zusammenarbeit – und mit Menschen, die mit Offenheit, Leidenschaft und einer gemeinsamen Vision an konkreten Veränderungen arbeiten. Die Lernreise hat wertvolle Impulse, neue Perspektiven und zahlreiche Anknüpfungspunkte für die weitere Arbeit in Deutschland geschaffen. Nun gilt es, die gewonnenen Erkenntnisse zu übertragen, Partnerschaften weiterzuentwickeln und aus den entstandenen Ideen konkrete Projekte zu machen.
„Living Longer, Living Better at Home“ ist für DUCAH nach dieser Woche daher weit mehr als ein Motto. Es ist eine gemeinsame Zukunftsaufgabe.